parkhaus

Wir leben mit unsern Erinnerungen, die Erinnerungen leben in uns, es gibt Gute wie auch Schlechte und eben die habe ich viel zu lange verdrängt. Aber lest selbst.

Ich weiß es nicht mehr auf den Tag genau, ich muss ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein. Meine Eltern hatten ein neues Auto gekauft, einen roten Opel Kadett Coupé mit schwarzem Dach, und wir fuhren in eine fremde Stadt. In den Sechzigern steuerte üblicherweise der Mann das Fahrzeug. Er war ein sehr guter Fahrer. Wie so oft schlief ich schon bald durch das monotone Motorengeräusch auf dem Rücksitz ein und bekam nicht mit, wie er in die Zufahrt eines Parkhauses einbog, wo er ein besonders ruhiges Plätzchen suchte. Ein letzter Blick auf die Rückbank sollte bestimmt sicher stellen, dass ich heia machte. Mit dieser Gewissheit schlossen sie leise die Autotür, angetrieben von der Hoffnung, dass der Junge schön lange schlafen möge.
Mit gemischten Gefühlen stahlen sie sich davon. Nur dieser Tag verlief etwas anders wie erhofft. Die Stille rüttelte an mir, ließ mich erwachen. Irgendetwas stimmte nicht, leise rief ich nach meiner Mum, doch die erhoffte Antwort blieb aus. Schon als kleiner Junge verfügte ich über einen ausgeprägten Geruchsinn. Für mich war es ein leichtes sie unter vielen sofort ausfindig zu ausmachen. Doch nun war sie nicht da. Ich starrte den Fahrzeughimmel an, linste verunsichert aus der Scheibe, die nur einen grauen Hintergrund widerspiegelte. Wo befand ich mich, und warum war ich hier in diesem Auto alleine?
Verschlafen rieb ich mir die Augen. Vorsichtig blinzelte ich durch das hintere Fenster und erblickte nur andere Autos. Überall nur Autos! Unsagbare Stille, außer meinem eigenen dröhnenden Herzschlag hörte ich nichts. Mein Atem kondensierte auf der Autoscheibe. Die milchige matte Dursicht zeigte nur Konturen. Ich hatte Angst, denn ich war erst sechs Jahre alt, gerade eingeschult und hatte jedes Recht, mich zu fürchten- denn ich stellte mir die qualvolle Frage: „Warum haben mich meine Eltern alleine gelassen?“ Natürlich hatte ich keine Antwort erwartet, ich war allein!
Ich wischte die Feuchtigkeit meines Atems mit meiner Hand von der Scheibe, danach rieb ich mir die Nase in meinem Ärmel trocken. Einfallendes Licht zwischen den Betonträgern warf lange Schatten. Die Sicht verklärte sich zunehmend durch meine Tränen. Panik stieg in mir auf, blanke Panik. Verängstigt rief ich erneut, erhielt wieder keine Antwort.
Ich rang nach Atem. Überall nur leere Autos, dazwischen vereinzelt Menschen, die mit vollgepackten Taschen zu ihren Fahrzeugen eilten, diese darin verstauten und davonfuhren. Die Zeit verging, Ich verfolgte mit meinen Blicken das Treiben, hielt Ausschau nach meinen Eltern. Tränen liefen mir die Wange hinunter. Die Autoscheiben beschlugen mehr und mehr, wiederholt wischte ich mit meiner Hand die Feuchtigkeit vom Glas. Mein Inneres schrie lauthals nach meiner Mum. Ich spürte ein Gefühl der Angst, wie ich es noch nie gefühlt hatte. Mein Weinen und Flehen half nichts, also betete ich leise für mich und versprach in meinem Gebet für immer lieb zu sein.
Ein Mann, ein fremder Mann, kam auf unseren Wagen zu. Er klopfte an die Scheibe, ich erschrak. Mein Atem ging hastig und ich sprang mit einem Satz mit dem Rücken zur andern Seite. Er presste seine fünf Finger auf die Scheibe. Eine Geste, die Vertrauen schuf. Vorsichtig presste ich meine Finger gegen die Scheibe, nur meine Finger waren natürlich viel kleiner als die seinen. Der Fremde lächelte ein wenig. Er kniete sich hin und sprach: „Junge, hab keine Angst!“ Ich schaute ihn nur groß an, ohne ein Wort zu sagen. Seiner Stimme vertraute ich, aber es waren seine Augen, die mich in seinem Banne hielten.
Doch meine Mum hatte mir ausdrücklich verboten, mit Fremden zu sprechen! Ich saß sprichwörtlich in einer Gefühlszwickmühle, mit der Angst auf der einen Seite, die meinen Herzschlag ins unermessliche trieb und dem Wunsch, endlich aus diesem Auto befreit zu werden.
Ich hasste mein Herzklopfen und ich mochte es nicht allein zu sein, aber was sollte ich machen? Ich war schon so lange ich denken konnte viel allein, auch dann, wenn ich von der Schule nach Hause kam.
Jener Fremde bat mich, den kleinen schwarzen Knopf an der Fahrertür hochzuziehen, damit er die Tür öffnen könne. Ich hatte den einen Wunsch, raus aus dieser verbrauchten, stickigen Luft.
Unter Tränen zog ich an dem Knopf, und schaute den Parkhauswächter in die Augen. Ich hatte noch nie so viel Güte und Frieden in den Augen gesehen wie bei jenem Mann!
Ein lautes Trommeln in den Ohren, mein Herz drohte zu zerspringen, ich hatte Durst. Behutsam öffnete er die Fahrertür einen kleinen Spalt und fragte:
»Junge, wie heißt du?«
Welcher sechsjährige Junge kannte seinen Namen nicht? Es platzte aus mir heraus:
»Martin!«
»Ah, Martin. Das ist wirklich ein schöner Name. Wo sind deine Eltern?«
»Ich weiß nicht!« Er nickte verstehend.
»Weißt du denn wie deine Eltern heißen?«
»Klar, meine Mutter heißt Gerda und mein Papa Walter.«
»Soso. Martin, ich schreibe deinen Eltern gleich eine Nachricht auf einen Zettel und klemme diese unter den Scheibenwischer, dann wissen sie, wo sie dich abholen können. Ich werde dich jetzt mitnehmen. Es ist nicht weit. Hab keine Angst.« Er strahlte etwas Vertrauenswürdiges aus, nahm mich behutsam auf den Arm. Meine kleinen Ärmchen legten sich um seinen Hals, den Kopf bettete ich auf seinen Schultern. Es fühlte sich unendlich gut an -und richtig. Wir kamen in einem winzigen Büro an mit nur einem Schreibtisch und einer Lampe auf diesem. Eine braune Aktentasche lehnte rechts daneben.
»Einen Moment.« Er setzte mich auf den Stuhl, telefonierte mit einer Frau, dann schrieb er eine Nachricht für meine Eltern, genau wie er es versprochen hatte. Er kniete vor mir, reichte mir sein eingepacktes Frühstücksbrötchen und sagte, er käme gleich wieder. Es dauerte tatsächlich nicht lange. Der Mann schaute mich glücklich an, als er wieder das Büro betrat. Er hatte Wort gehalten und er reichte mir eine Flasche Limonade. Und so vergingen die Minuten, die Stunden in seinem Büro …
»Sind das deine Eltern, Martin?« Ich schaute auf und sah meine Eltern herbei hasten, wo der Parkhauswächter sie vor der Tür in Empfang nahm. Die Freude meinerseits war riesig, doch die Erwachsenen schrien sich gegenseitig nur an. Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, aber der Parkhauswächter drohte mit dem Jugendamt. Damals begriff ich nicht, was damit gemeint war. Eigentlich verstand ich die Welt nicht mehr und weinte. Auch der Glanz aus Augen meines Retters war verflogen, als er sich verabschiedete. Er schaute traurig, fast schon hilflos. Meine Mutter bedachte ihn nur eines strengen Blickes. Sie entriss mich dem Mann und eilte mit mir davon.

Die Augen des Parkhauswächters von einst kann ich manchmal noch heute sehen!

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